Ostern 2018 Bad Westernkotten

Liebe Gemeinde!

Es wird ja höchstwahrscheinlich wieder so sein, irgendeine Umfrage wird das schon wieder rausfinden. Oder herausgefunden haben. Nämlich dass beim Stichwort „Ostern“ so was bei 90 % der Leute nur noch an Ostereier, Osterhasen und Osterurlaub denken. Und die Oster-Sonderangebote von Aldi oder Lidl. Und der wichtigste Satz natürlich: „Dann geh doch zu Netto!“
Und, Kreuzigung und Auferstehung: Fehlanzeige. Aber, man mag das bedauern, aber auch für die Leute ist Ostern. Selbst wenn sie dazu jetzt nicht mal mehr Osterhasen kaufen, sondern Traditionshasen. So auf dem Kassenbon bei Karstadt zu lesen. Zur Beruhigung: Den Begriff gibt es seit den 50ern, hat also damit nichts zu tun, dass sich auch Muslime nach Willen der Schokoindustrie zu Ostern den Magen verderben sollen.

Ja gut, man könnte angesichts dieses Niedergangs im christlichen Abendland schimpfen. Oder aber denken: Welche Größe und welche Langmut Gottes. Wir können – sie kennen dieses Gedankenspiel – sogar so leben, als ob es Gott überhaupt nicht gäbe. Und zumindest vordergründig hat das keine Konsequenzen. Siehe oben. Ostern wird es für alle. Aber – auch wenn der Konjunktiv nicht passt – was wäre erst, wenn man das quasi andersherum denkt: Wenn wir so leben könnten und würden, als ob es Gott wirklich gäbe, Christus auferstanden wäre. Was wären das erst für Möglichkeiten? Welche Perspektiven würde uns das eröffnen? Und – völlig egal, ob man das jetzt beweisen kann oder nicht – was wird und ist das auf einmal für eine Geschichte.
Eine Geschichte, die mir Mut machen will, über meinen Tellerrand zu schauen und über meinen Schatten zu springen, auch aus dem engen Horizont hinaus. Die erzählt, dass diese Welt ihren Endzustand noch nicht erreicht hat, man sich nicht abfinden muss, mit dem, was ist.

Weil sie sagt: Schau nicht dauernd nur nach unten und zurück. Schau nach vorn und nach oben. Denn das ist der Anfang von Gottes neuer Welt. Und sie kommt. Trotz oder wegen all dieser Gräuel, von Syrien bis zum Jemen, von Giftgas bis zum Hass in Palästina. Um nur einiges zu nennen. Aber sie kommt. Eine Welt, in der es kein Leid und keine Tränen mehr geben wird, weil nach den Worten Jesajas Gott selbst die Tränen abwischen wird von unserem Angesicht. Eine Welt, in der alle Natur und Kreatur sein und werden kann, wie von ihm gemeint. Eine Welt, in der ein Mensch den anderen nicht mehr als Fremden, als Feind oder Konkurrenten, sondern als Bruder und Schwester ansehen wird. Eine Welt, in der wir so etwas erleben werden wie eine letzte Gerechtigkeit, und in der schließlich der Tod nicht mehr sein wird, weil seine Macht endgültig gebrochen ist. Das ist die Hoffnung von Ostern, das Versprechen dieser Geschichte. Christus hat das versprochen. Und wir werden es erleben.

Und eben nicht erst am St. Nimmerleinstag. Sondern jetzt schon. Weil sie sagt: Fürchte dich nicht, vor nichts und niemandem. Denn es ist mit den Tatsachen dieser Welt noch nicht abgetan. Gott kann und macht so viel mehr, und mit dem ist immer noch so viel möglich. Darum glaub nicht, dass das hier schon alles gewesen ist. Siehe, ich mache alles neu. Oder wer es gern weltlicher hätte: Es gibt Leute, die sehen etwas, das es gibt, und fragen: Warum? Ich aber träume von Dingen, die es noch nicht gibt, und frage: Warum nicht? Übrigens Robert Browning zugeschrieben. Und noch ein bisschen besser wie „Yes, we can“, wie ich finde.

Und wenn man an der Stelle nur ein bisschen weitersucht, und darum hat Ostern was mit Suchen zu tun, wenn man da sucht und weitersucht, was findet man da alles – geistig wie weltlich, ernst und heiter – über solche Hoffnung gegen den Trend und gegen den Schein und gegen den Tod. Den großen wir den kleinen.

Der Lübecker Dichter Emanuel Geibel formuliert: „So ist der Tod ein Bad nur. Aber drüben am anderen Ufer liegt uns bereit ein neu Gewand.“

Ein Gedanke von Vaclav Havel, der mir schon manchmal hilft: Hoffnung ist nicht die Überzeugung dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.
Oder, warum nicht auch etwas schlichter: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht zu Ende.“ Oscar Wilde oder auch John Lennon zugeschrieben. Also höchstwahrscheinlich von beiden irgendwo geklaut. Aber deswegen nicht weniger gut. Außerdem: Lieber gut geklaut als schlecht selber gemacht. Habe ich bei meinen Predigten immer wieder beherzigt.

Und wie oft habe ich dann dabei Ernst Bloch zitiert: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Also werden wir.“

Muss aber nicht immer alles so ernst oder wissenschaftlich sein. Vor gut 14 Tagen war Kabarett in Erwitte, Anny Hartmann. Und das hat sich auch wieder richtig gelohnt. Weil sich durch ihr ganzes Programm nicht nur das Lachen zog, sondern auch ihre Aufforderung, nicht alles immer hinzunehmen und fatalistisch über sich ergehen zu lassen. Deutlich am Ende ihres Programms mit dieser Geschichte:

Es geht das Gerücht um, der Bär habe eine Todesliste erstellt. Die Tiere des Waldes fragen sich, wer wohl alles auf dieser Liste stehen mag.

Als Erster nimmt der Hirsch allen Mut zusammen, geht zum Bären und fragt ihn:
„Entschuldige Bär, eine Frage: Stehe ich auch auf deiner Liste?”
Der Bär holt einen Zettel aus seinem Pelz und sagt nach einem kurzen Augenblick:
„Ja, Hirsch, du stehst auf meiner Liste.”

Voller Angst dreht sich der Hirsch um und läuft weg. Und tatsächlich, nach zwei Tagen wird der Hirsch tot aufgefunden.
Die Angst bei den Waldbewohnern steigt immer mehr und die Gerüchteküche auf die Frage, wer denn nun auf der Liste steht, brodelt.
Dem Wildschwein reißt als Nächstes der Geduldsfaden. Es macht sich auf, den Bären zu suchen und ihn zu fragen, ob es auch auf der Liste steht.
„Ja, auch du stehst auf meiner Liste.”, antwortet der Bär.
Verschreckt verabschiedet sich das Wildschwein vom Bären. Auch das Wildschwein findet man zwei Tagen später tot auf.
Von diesem Tage an bricht Angst und Panik bei den Waldbewohnern aus.
Nur der kleine Hase macht sich auf den Weg, den Bären aufzusuchen. Schlotternd steht er vor ihm und fragt ihn die alles entscheidende Frage:
„Hey Bär, steh ich auch auf deiner Liste?”
Der Bär schaut auf seine Liste und brummt: „Ja, auch du stehst auf meiner Liste!”.
„Kannst du mich vielleicht streichen?”, fragt der Hase.
Da antwortete ihm der Bär: „Ja klar, kein Problem!”

Sich nicht abfinden und sich nicht abfinden müssen, mit dem, was ist und wie es ist. Klar, kein Spaziergang mit Erfolgsgarantie. Und darum am Ende ein kurzes Gedicht von Hilde Domin:
Nicht müde
werden, sondern
dem Wunder leise
wie einem Vogel
die Hand
hinhalten.
(Hilde Domin)
Man muss nur ein bisschen suchen, dann findet man wenn nicht das Leben aber schon Geschichten zum Leben. Alles aus dieser einen Geschichte, die erzählt: Derr Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen